Mittwoch, 27. Juli 2005

Eingetaucht

Soll ich Ihnen mal schildern, was man mit Fischen so alles erleben kann. Ich habe schon seit 20 Jahren ein Aquarium. Damals war ich 15 und mit einer Katzenhaarallergie beschlagen. Die Miezen wurden abgeschafft, zum Trost gabs ein 60-Liter-Becken, gebraucht mit Besatz. Der bestand vornehmlich aus Guppys, typische Anfängerfische eben. Das kleine Becken wurde nach der gut bezahlten Konfirmation gegen ein größeres eingetauscht. 120 Liter boten Platz für ein paar Zebrabuntbarsche. Die zwischenzeitlich gut vermehrten Guppys fanden ihren Weg teilweise in die Kanalisation, der Rest ging an einen Bekannten mit räuberischen Barschen. Mein Aquarium zog mit mir in die Studi-WG, später in die erste eigene Wohnung, wo es zweimal auslief. Die Feuerwehr stand vor der Tür, die ich in Unterhosen öffnete, die Versicherung zahlte. In der nächsten Wohnung mit Freundin wuchs das Aquarium auf 200 Liter. Zwischenzeitlich rauften sich dort Skalare, es küssten sich Guramis, Rote Blutsamler jagten durchs veralgte Wasser und machten einander der Reihe nach kalt. Zwei Katzen kamen, ohne allergische Reationen bei mir hervorzurufen - die Freundin ging, auch dabei blieb ich weitestgehend reglos. Allein ein paar Welse brachten Beständigkeit, die beiden sind zwölf Jahre alt und meist nicht zu sehen.

Neulich wollte ich wieder ein bisschen Stimmung ins Gehege bringen. Am Freitag nahm ich mir eine kurze Auszeit von Frau und Kind und schlurfte in den Zooladen. Die neuen Fische sollten unkompliziert, billig, bunt und nicht zu groß sein. Da fielen mir ein paar Guppys ins Auge - zurück zu den Wurzeln. Ich verlangte zwei Männchen mit rotem Schleierschwanz und vier Weibchen. Zu Hause angekommen, setzte ich die Biester ins Becken und erfreute mich am farbigen Auftritt der lebendgebärenden Zahnkarpfen. Die Freude währte nich lange: Als ich ein paar Stunden später noch einmal nach dem Rechten schaute, fehlte einem Männchen ein guter Teil der Rückenflosse. Ein Weibchen floatete schwächelnd über dem Kies. "Keine Ahnung was das soll". Die kam nach genauerer Beobachtung am folgenden Morgen - inzwischen war das bis dato unsehrte zweite Männchen tot, das angeschlagene Weibchen auch. Schuld musste ein einsamer Regenbogenfisch sein, das imposante Kerlchen zog die Guppy-Mädels wohl als potenzielle Partnerinnen in Betracht, was diese wohl in reichlich Stress versetzt haben muss. Die Guppy-Jungens als Konkurrenz wurden dagegen von Mr. Rainbow wohl ganz bewusst aus dem Felde geschlagen. Ich musste handeln, der Übeltäter wurde in ein kleines Ersatzbecken ausquartiert - ohne jeden Luxus wie Pflanzen, Kies, Filter und Heizung versteht sich. Schließlich sollte der Kerl am Montag ein neues Zuhause in einer Zoohandlung finden. Vom standrechtlichen Herunterspülen in der Toilette konnte mich nur ein Gnadenbesuch meiner Liebsten abhalten.

Doch dann kam alles anders: Bis ich am Montagabend von der Schicht heimkehrte, verstarben zwei weitere Weibchen. Kam Mr. Rainbox nun noch als Täter in Frage? Ich fasste mir ein Herz und setzte den Jungen zurück ins Gemeinschaftsbecken - wo er einen Tag später verstarb. Aber ich bin dennoch überzeugt, richtig gehandelt zu haben. Wer weiß, was der Bursche noch alles hätte anstellen können... macht sich an die Guppys ran - muss man sich mal vorstellen.

Wie lange leben die beiden letzten Guppys noch? Wer schwimmt sonst noch in diesem Becken und was macht der Kater auf dem Aquarium? Diese und andere Fragen beantwortet Ihr Paul Haenel in der kommenden Woche.

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Bill Butze - 28. Jul, 17:45

Eingetaucht und abgeraucht

Lieber Paul Haenel,

ich bin Honorarprofessor für Aquaristik an der Fachhochschule Fischen im Allgäu. In einem neuen Forschungsprojekt beschäftige ich mich vor allem mit dem visuellen Potenzial von Guppys unter besonderer Berücksichtigung der Schwimmblase.

Zu meiner Freude stelle ich fest, dass Sie bereits in vielfältiger Art und Weise mit Guppys experimentiert haben. Mit großer Erwartung sehe ich ihrem kühnen Vorhaben entgegen, einen Kater in das Aquarium einzuführen.

Im Sinne meiner Forschung trete ich mit einer ganz speziellen Bitte an Sie heran. Sollten an einer Kooperation mit meinem Institut Interesse bestehen, bitte ich Sie, auch ihr Fernsehgerät in das Aquarium abzusenken. Ziel dieses Experiments soll sein, herauszufinden, ob Guppys Farben wahrnehmen können.

Meine Berechnungen haben ergeben, dass ein unzüchtiger Film im Spätprogramm die bestmögliche Testumgebung darstellen würde. Die Theorie besagt, dass bei Guppys, wenn sie denn unzüchtige bewegte Bilder wahrnehmen können, die Schwimmblase anschwellt. Gleichzeitig sollte es zu einem unkontrollierten Zittern von Lippen und Barteln kommen.

Wenn sie neben diesen Beobachtungen auch noch eine Messung der elektrischen Strömungen in den Seitenlinienorganen der Guppys vornehmen könnten, wäre meine Dankbarkeit in Worten nicht mehr auszudrücken.

Mein lieber Haenel, in großer Hoffnung und Zuversicht auf ein Experiment, was für Fisch- wie Menschheit ebensoviel bedeutet wie die Landung auf dem Monde verbleibt mit freundlichem Gruße

Ihr Prof. Bill Butze

Paul Haenel - 28. Jul, 18:03

Unterwasser-KOOP

Lieber Prof. Butze,

Ihr Interesse an meinem Hobby ehrt mich sehr. Wenn es meine spärlich bemessene Freizeit erlaubt (ich arbeite gerade in der Sommerferienvertretung als Biologielehrer), möchte ich meinen Beitrag zum Großenganzen leisten.

Um Sie nicht zu enttäuschen, möchte ich jedoch vorwegnehmen, dass Guppy in der Regel nicht über Barteln verfügen. Aber das mit dem Fernseher wäre einen Versuch wert. Und der Kater macht auch bald einen Tauchgang, wenn er noch länger derart starkt haart.

Auf eine erfolgreiche wissenschaftliche Zusammenarbeit, Ihr Paul Haenel.

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